Aufstellungen BerlinNatalia Spurman · Prenzlauer Berg
Familie & Herkunft

Migration in der Familiengeschichte: Aufstellung bei Wurzeln in der UdSSR

Wer in Berlin lebt und Eltern oder Großeltern aus Kasachstan, Russland, der Ukraine, Belarus, Usbekistan oder dem Baltikum hat, kennt das oft: Die Familie hat viel geschafft, viel ausgehalten – und über vieles wird nicht gesprochen. Migration in der Familiengeschichte ist selten nur ein Umzug von A nach B. Sie verbindet sich mit älteren Brüchen wie Krieg, Deportation, Repression oder dem Zerfall eines ganzen Landes. In diesem Artikel beschreibe ich, wie solche Erfahrungen in einer Familie nachwirken können und wie eine Familienaufstellung dabei unterstützen kann, die eigene Geschichte etwas klarer zu sehen.

Warum Migration in der Familiengeschichte weiterwirken kann

Eine Auswanderung verändert ein Familiensystem grundlegend. Menschen verlassen nicht nur eine Wohnung, sondern eine Sprache, Freundschaften, Gräber, Gerüche, eine vertraute Art, miteinander umzugehen. Oft geschieht das unter Zeitdruck oder in einer Lage, in der es keine echte Wahl gab. Was zurückbleibt, wird selten betrauert, weil zunächst alle Kraft in das Ankommen fließt: Papiere, Sprachkurse, Arbeit, Schule für die Kinder.

In der systemischen Arbeit gehen wir davon aus, dass Unbetrauertes und Ungesagtes nicht einfach verschwindet. Es kann sich in Stimmungen zeigen, in Familienregeln („Darüber reden wir nicht“), in einer unerklärlichen Schwere oder in dem Gefühl, nirgends ganz dazuzugehören. Kinder und Enkel spüren oft, dass da etwas ist, ohne zu wissen, was. Manche übernehmen unbewusst Aufgaben, die eigentlich zu einer früheren Generation gehören: Sie wollen die Eltern für ihre Opfer entschädigen, sie trauen sich kein leichtes Leben zu, oder sie fühlen sich schuldig, wenn sie sich vom Herkunftsland abwenden.

Das ist kein festes Gesetz und keine Diagnose. Es ist eine Perspektive, die vielen Menschen hilft, eigene Gefühle besser einzuordnen. Ob sie für Sie stimmig ist, können nur Sie selbst prüfen.

Viele Wege nach Deutschland – und viele Geschichten davor

„Die Familie kommt aus der Sowjetunion“ klingt einheitlich, beschreibt aber sehr unterschiedliche Lebenswege. In meiner Arbeit begegne ich unter anderem:

  • Russlanddeutschen und Spätaussiedler:innen, deren Vorfahren vor Generationen nach Russland gezogen waren, die 1941 deportiert wurden und erst Jahrzehnte später nach Deutschland kamen – in ein Land, das sie als Heimat ihrer Vorfahren sahen und das sie dann oft „die Russen“ nannte.
  • Jüdischen Familien, die als Kontingentflüchtlinge kamen und deren Geschichte von Verfolgung, Verlust und dem Schweigen über die eigene Herkunft geprägt sein kann.
  • Menschen, die zum Studium, zur Arbeit oder durch eine Ehe nach Deutschland gezogen sind und deren Familie größtenteils im Herkunftsland geblieben ist.
  • Menschen, die seit 2022 vor dem Krieg geflüchtet sind oder Angehörige auf beiden Seiten einer Front haben.

Hinter jeder dieser Gruppen stehen ältere Schichten: der Zweite Weltkrieg, Hunger, Lager, Kollektivierung, das Verschwinden von Angehörigen, Umsiedlungen innerhalb der Sowjetunion, die chaotischen Neunzigerjahre. Eine Familie kann also mehrere Migrationen und mehrere Brüche in sich tragen, die sich überlagern.

Was Familien mit Wurzeln in der ehemaligen Sowjetunion oft mitbringen

Jede Familie ist anders, und ich möchte niemanden in eine Schublade stecken. Trotzdem tauchen in Aufstellungen bestimmte Themen immer wieder auf.

Schweigen als Schutz

In der Sowjetunion konnte ein unbedachtes Wort gefährlich sein. Viele Großeltern haben gelernt, über Herkunft, Glauben, Verhaftungen oder Kriegserlebnisse nicht zu sprechen – zum Schutz der Kinder. Dieses Schweigen wurde oft weitergegeben, auch als die Gefahr längst vorbei war. Die Enkel wissen dann zum Beispiel nicht, warum der Urgroßvater „irgendwann nicht mehr da war“ oder warum ein Familienname geändert wurde.

„Wir haben es geschafft“ – und der Preis dafür

Viele Eltern der ersten Generation haben in Deutschland ganz von vorn angefangen, häufig unterhalb ihrer Qualifikation. Die Ingenieurin putzt, der Arzt arbeitet im Lager. Das ist eine enorme Leistung, die Anerkennung verdient. Für die Kinder kann daraus aber ein stiller Auftrag entstehen: erfolgreich sein, keine Schwäche zeigen, die Opfer der Eltern rechtfertigen. Wer diesem Auftrag nicht folgen möchte, fühlt sich schnell undankbar.

Zwischen zwei Welten

Ein Satz, den ich oft höre: „Dort waren wir die Deutschen, hier sind wir die Russen.“ Oder bei Jüngeren: „Für meine Eltern bin ich zu deutsch, für meine deutschen Freunde zu russisch.“ Das Gefühl, zwischen zwei Systemen zu stehen und keinem ganz zu gehören, ist eines der häufigsten Anliegen, mit denen Menschen zu mir kommen.

Loyalitätskonflikte seit 2022

Der Krieg gegen die Ukraine hat viele Familien zusätzlich zerrissen. Verwandte sehen die Ereignisse sehr unterschiedlich, Telefonate enden im Streit oder finden gar nicht mehr statt. Manche schämen sich für ihre Herkunft, andere fühlen sich zu Unrecht verurteilt. Solche Spannungen gehen tief, weil sie die Frage berühren, zu wem man eigentlich gehört.

Verlorene Orte und unbetrauerte Verluste

Das Haus der Großeltern in einem Dorf, das es nicht mehr gibt. Ein Grab, das niemand mehr besucht. Eine Großmutter, die man vor der Ausreise das letzte Mal gesehen hat. Solche Verluste werden in der Hektik des Neuanfangs oft nicht gewürdigt und können noch Jahrzehnte später schmerzen.

Typische Anliegen für eine Familienaufstellung bei Migration

Menschen kommen selten mit dem Satz „Ich möchte meine Migrationsgeschichte aufstellen“. Meist beginnt es mit einem konkreten Alltagsthema, und erst im Gespräch zeigt sich der Zusammenhang. Häufige Anliegen sind zum Beispiel:

  • „Ich fühle mich nirgends zu Hause, obwohl ich hier aufgewachsen bin.“
  • „Ich arbeite ständig und kann mich über nichts freuen, was ich erreicht habe.“
  • „Meine Mutter und ich verstehen uns nicht, wir leben in verschiedenen Welten.“
  • „In unserer Familie gibt es ein Geheimnis, das ich spüre, aber nicht kenne.“
  • „Seit dem Krieg spreche ich nicht mehr mit meinem Onkel, und das belastet mich.“
  • „Ich möchte verstehen, warum ich mich zu einem Land hingezogen fühle, in dem ich nie gelebt habe.“

Alle diese Fragen sind berechtigt. Sie müssen nicht vorher wissen, ob Ihr Anliegen „systemisch genug“ ist – genau das klären wir gemeinsam.

Wie eine Aufstellung zur Migrationsgeschichte ablaufen kann

Am Anfang steht ein unverbindliches Kennenlerngespräch. Dort schauen wir, was Sie bewegt und ob eine Aufstellung im Moment der passende Weg ist. Danach sammeln wir, was über die Familie bekannt ist: Wer kam woher, wann und warum? Wer ist zurückgeblieben? Wer ist früh gestorben, verschwunden oder wurde aus der Familie ausgeschlossen? Lücken sind dabei kein Problem. Gerade das, was man nicht weiß, ist oft ein wichtiger Teil des Bildes.

Im Einzelsetting arbeite ich mit Figuren, Bodenankern oder Kissen. Ihre Familie muss dafür nicht anwesend sein. Neben Personen können wir auch andere Elemente aufstellen, die in Migrationsgeschichten eine Rolle spielen:

  • das Herkunftsland und das neue Land
  • die Muttersprache und die zweite Sprache
  • ein verlorener Ort, etwa das Dorf der Großeltern
  • ein Familiengeheimnis oder „das, worüber nicht gesprochen wird“
  • der eigene Wunsch, zum Beispiel „ankommen“ oder „frei sein“

Dann schauen wir gemeinsam: Wo stehen Sie im Verhältnis zu diesen Elementen? Wohin richtet sich Ihr Blick? Was verändert sich, wenn ein vergessener Mensch einen Platz bekommt oder wenn beide Länder nebeneinander stehen dürfen, statt gegeneinander? Oft sind es kleine Bewegungen und einfache Sätze, die etwas lösen, etwa: „Ich sehe, was ihr verlassen musstet.“ Oder: „Ich darf hier leben und trotzdem zu euch gehören.“

In einer Gruppe, an einem unserer Aufstellungstage, übernehmen andere Teilnehmende die Rollen als Stellvertreter:innen. Das kann sehr eindrücklich sein. Für Themen mit viel Scham oder Geheimnissen bevorzugen manche Menschen zunächst den geschützten Rahmen einer Einzelsitzung.

Ein typisches Beispiel

Das folgende Beispiel ist aus mehreren Situationen zusammengesetzt und beschreibt keine reale Person.

Eine Frau Mitte dreißig, in Kasachstan geboren, mit sechs Jahren nach Deutschland gekommen. Sie ist beruflich erfolgreich, kann aber nie abschalten. Urlaub fühlt sich für sie „falsch“ an. Im Vorgespräch erzählt sie, dass ihre Großmutter als Kind mit der Familie aus dem Wolgagebiet deportiert wurde und über diese Zeit nie gesprochen hat. Ihre Eltern haben in Deutschland in Jobs gearbeitet, die nichts mit ihren Berufen zu tun hatten.

In der Aufstellung stellt sie für sich, ihre Eltern, die Großmutter und für „das alte Leben“ Bodenanker auf. Auf ihrem eigenen Platz steht sie mit dem Rücken zu den Eltern, den Blick nach vorn, angespannt. Als sie auf den Platz der Großmutter wechselt, sagt sie nach einer Weile: „Hier ist es ganz still. Hier darf niemand müde sein.“ Wir arbeiten damit, dass die Großmutter und die Eltern für das, was sie getragen haben, gesehen werden. Die Frau dreht sich schließlich zu ihnen um und sagt: „Ihr habt so viel geschafft. Ich muss das nicht noch einmal für euch schaffen.“

Ob und wie sich danach etwas in ihrem Alltag verändert, lässt sich nicht vorhersagen. Viele Menschen berichten nach einer Aufstellung von einem neuen Blick auf die Familie. Manchmal braucht es mehrere Schritte, manchmal begleitende Gespräche.

Was eine Aufstellung leisten kann – und was nicht

Ich möchte offen und transparent sein: Aufstellungsarbeit ist eine erfahrungsorientierte Methode. Ihre wissenschaftliche Grundlage ist begrenzt, und was in einer Aufstellung sichtbar wird, ist kein Beweis für historische Tatsachen. Es ist ein inneres Bild, mit dem Sie weiterarbeiten können. Eine Aufstellung kann neue Perspektiven eröffnen, Gefühle zugänglich machen und Anstöße geben. Sie ersetzt keine Recherche in Archiven und keine Gespräche mit noch lebenden Angehörigen – im Gegenteil, oft macht sie Mut, solche Gespräche zu führen.

Bei schweren Themen wie Krieg, Gewalt oder Verfolgung ist mir ein behutsames Tempo wichtig. Ich arbeite tiefenpsychologisch fundiert und achte darauf, dass Sie nicht mehr aufmachen, als Sie im Moment halten können. Manchmal ist eine begleitende Einzeltherapie sinnvoller als eine Aufstellung oder eine gute Ergänzung dazu.

Wichtig: Aufstellungsarbeit ist keine Krisenintervention. Wenn Sie sich gerade in einer akuten Krise befinden, wenden Sie sich bitte an den Krisendienst Berlin unter 030 390 63 00 oder an die Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111. Beide sind rund um die Uhr erreichbar.

Wenn Fakten fehlen

Viele Menschen sorgen sich, dass sie „zu wenig wissen“ für eine Aufstellung. In Familien mit sowjetischer Geschichte ist das eher die Regel als die Ausnahme. Dokumente wurden vernichtet, Namen geändert, Erzählungen bewusst lückenhaft gehalten. Für die Aufstellung reicht, was Sie wissen oder vermuten. Wir können auch „das Unbekannte“ als eigenes Element aufstellen. Oft zeigt sich dann, wie viel Kraft es kostet, eine Lücke zu tragen, und wie entlastend es sein kann, sie einfach als Lücke anzuerkennen.

Wenn Sie mehr über die Nachwirkungen von Kriegserfahrungen erfahren möchten, finden Sie im Artikel über Kriegsenkel weitere Gedanken dazu. Vieles davon gilt auch für Familien aus der ehemaligen Sowjetunion, wo der Krieg in fast jeder Familie Spuren hinterlassen hat.

Warum die Sprache eine Rolle spielt

Ich bin 1975 in Kaliningrad, dem früheren Königsberg, geboren, Russisch ist meine Muttersprache, und ich lebe seit 2001 in Berlin. Die Erfahrung, zwischen zwei Sprachen und zwei Kulturen zu leben, kenne ich also nicht nur aus der Praxis.

In Aufstellungen merke ich immer wieder, wie sehr Sprache Gefühle trägt. Ein Satz wie «Мама, я тебя вижу» kann etwas ganz anderes auslösen als „Mama, ich sehe dich“. Manche Menschen sprechen über ihr Erwachsenenleben lieber auf Deutsch und über ihre Kindheit lieber auf Russisch. Beides ist bei mir möglich, auch im Wechsel innerhalb einer Sitzung. Warum das so wichtig sein kann, beschreibe ich ausführlicher im Artikel Aufstellung auf Russisch in Berlin.

Auch die zweite und dritte Generation ist betroffen

Oft höre ich: „Ich bin doch hier geboren, die Migration ist nicht meine Geschichte.“ Das stimmt einerseits. Andererseits wachsen Kinder in einer Familie auf, die von der Migration geprägt ist: von der Sprache am Küchentisch, von den Sorgen der Eltern, von dem, was erzählt wird, und von dem, was fehlt. Manche Kinder haben früh für ihre Eltern übersetzt, Behördenbriefe gelesen und Verantwortung übernommen, die eigentlich nicht zu ihrem Alter passte. Andere haben gespürt, dass sie die Eltern mit eigenen Problemen nicht zusätzlich belasten dürfen.

Solche Erfahrungen sind keine Schuld der Eltern. Sie gehören zu einer Situation, in der alle ihr Bestes gegeben haben. Gerade deshalb kann es entlastend sein, sie einmal anzuschauen, ohne jemanden anzuklagen. In einer Aufstellung geht es nicht darum, Schuldige zu finden, sondern darum, dass jede Generation ihren Platz bekommt – mit dem, was sie getragen hat, und mit dem, was sie weitergeben durfte.

Fragen, die Sie sich vorab stellen können

Wenn Sie überlegen, Ihre Familiengeschichte in einer Aufstellung anzuschauen, können ein paar Fragen bei der Vorbereitung helfen. Sie müssen nicht alle beantworten können:

  • Wer in meiner Familie hat das Herkunftsland verlassen, und wer ist geblieben?
  • Welche Ereignisse werden in der Familie erzählt, und welche nur angedeutet?
  • Gibt es Menschen, über die kaum gesprochen wird?
  • Welche Sätze habe ich als Kind oft gehört, etwa „Sei dankbar“ oder „Fall nicht auf“?
  • Was würde sich für mich verändern, wenn ich mich hier wirklich zu Hause fühlen dürfte?

Es kann auch sinnvoll sein, vorab mit Eltern oder Großeltern zu sprechen, sofern das möglich ist. Manchmal öffnen sich Türen, wenn man behutsam und ohne Vorwurf fragt.

Den eigenen Platz finden

Am Ende geht es in vielen Aufstellungen zur Migration um eine einfache und zugleich schwierige Frage: Darf ich zu beiden Welten gehören? Darf ich hier glücklich sein, ohne die Herkunft zu verraten? Darf ich die Geschichte meiner Familie anerkennen, ohne sie selbst weitertragen zu müssen? Es gibt darauf keine allgemeine Antwort. Aber es kann sehr hilfreich sein, diese Fragen einmal nicht nur im Kopf zu bewegen, sondern im Raum zu sehen.

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